marisom

au piano

In Uncategorized on December 31, 2010 at 5:03 pm

http://www.youtube.com/user/aurelienfaou#p/a/u/1/kHUgQMQ64o8

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and my flippy floppies

In Uncategorized on September 8, 2010 at 1:46 pm

Klangkörper Clown und das stille Mädchen

In Uncategorized on July 31, 2010 at 10:01 am

Wie bei allen Leidenschaften schwingt auch in dieser ihr Umkehrschluss mit. Klang braucht Stille.

Die Welt des Clown Kaspar besteht aus Klängen, die andere Menschen nicht hören können und nicht zu deuten wüssten, wenn sie es könnten. Kaspars Spezialität: das Erlauschen der vielfältigen Wesen seiner Mitmenschen. Seine Ausstattung besteht außerdem aus aphoristischem Sendungsbewusstsein sowie aus der Lust am Violinspiel, und es ist der Klang seines Zuhörens, der durch die Geschichte trägt. Die anderen Klangkörper, das stille Mädchen, die sichere Geologin, der potente Teufel, die afrikanische Krankenschwester, der sterbende Vater, der wiederauferstandene Stuntman, sie alle reagieren mit ihrem eigenen spezifischen Klang, und es ist sein Körper, der sie liest.

Als Kaspar zum ersten Mal tiefe Stille hört, bringt ihn die Begegnung vollkommen aus dem Gleichgewicht. Sein Gehör spielt ihm einen Streich, er kann dieses Kind nicht erhören – wieso nicht? Als das würdevolle Mädchen verschwindet, sucht er nach ihr. Die Suche wird zu einer Begegnung mit Verdrängtem, Gewaltigem und Unerhörten. Peter Hoeg erzählt nochmal eine Geschichte von Liebe.

Kaspar besitzt einen intensiven weiblichen Teil, fein, ein Ehrgefühl, trotzig, und dann die nicht zu unterschätzend attraktive Fähigkeit zu fordern. Das macht ihn relativ unwiderstehlich. Diejenige, die es trotzdem tut, liebt er: Geologin Stine mit den breiten Füßen. Kraftvolle Weiblichkeit in Seele und Körper ist neben den Klängen das Thema der Geschichte. Sex wird gefeiert als optimistisches Mysterium, Körper sind offene Bücher für diejenigen, die lesen können. Das Gute ist außer in der Weiblichkeit bei den Tieren zu finden, den Kindern, den Instinkten, Liebe und Lust und der Kunst.

„Alles ist subjektiv“ kann man gleich hinter dem Titelblatt in den Umschlag klemmen, und nach der Lektüre nochmal dort suchen; die Geschichte erzählt von Essenz, von der Übersetzung dessen, was nicht zu beweisen ist, dessen Existenz aber spürbar bleibt, wie zum Beispiel Effekte menschlicher Wunderlichkeiten und nützlicher Haltungen gegenüber Tod, Vergehen, Verschwinden und Erkennen. Der Versuch, diese Überzeugung in leicht verdaulichen Determinismus umzuwandeln, endet manchmal bemüht. Peter Hoeg ist kein Geschichtenerzähler, der den Leser in einem kleinen Boot auf dem Fluß durch die Landschaft trägt. Es gibt einige klar sichtbare Wege, bei denen man sich an der Platzwahl für die Aussichtsbank durchaus stören kann.

Gleichgewicht ist lebensnotwendig, für jede Geschichte, für jedes Leben. Die Spannung der Geschichte bleibt auch nach der Lektüre: Wie kann man Essenz ausbalancieren? Hier so: Das nächste Kind ist immer gleich neben an, das nächste Büro aber auch und darin das Böse in Gestalt von Verkopften mit verstümmeltem Körperbewusstsein und oder Mächtigen, die ihres dazu verwenden, kleine Knochen zu brechen. Gefährlich wird, wer Wissenschaft als einzige Le(ben)sart inhalieren.

Wie in Fräulein Smillas Universum sind die Menschen in dieser Geschichte sensibel, intelligent, stark, menschlich und übermenschlich; in ihren Klischees diesseits und in ihren Wesen jenseits des Durchschnitts. Hoeg erzählt eine Geschichte von Menschen, die suchen und zwischendurch versuchen. Sie sind schon ahnend, aber noch nicht weise. Ihr Alltag wird geformt von grauer Bürokratie und strikten Regeln, die kreativ umflexibelt werden, immer wieder durchbrochen von Lebendigkeit, ratternden Kalauern und Bachs Charconne. Dieses Musikstück ist Kaspars innerer Ort. “Das stille Mädchen” ist trotz Spannung, Gewalt und Verfolgungsjagden kein Thriller. Eher eine etwas pathetisch daherkommende öffentliche Meditation über den Zustand der Welt im Blick auf den Menschen. Kierkegaard, Musik, Selbstironie und immer wieder Hoffnung.

Jeder Clown vereint Komik und Tragik, dieser spezielle hier auch Klingen und Hören. In Kaspars hackiger Sprache kommt etwas ebenso Verletzliches wie Schönes zu Tage. Es hat mit der Großzügigkeit zu tun, seinen Füller dem Komplizen zu schenken, und mit der Kreativität dem Killer ein hennarotes Köpfchen zu färben. Mit dem Charme, aus der Uhaft zu entkommen durch ein Purzelbaum getränktes Drama, das seine Beziehung zu der Amtsmännin beendet, auch wenn es diese Beziehung nie gab. „Sag ihnen, sie soll gehen. All diese Stunden, die wir miteinander verbringen. Ohne uns berühren zu dürfen! Das halte ich nicht länger aus.—— (macht einen Schlüssel ab). Hier, Ada, dein Schlüssel. Meinen Körper kannst du nicht zum Pfand nehmen.“

Wenn die Geschichte und ihr Hauptcharakter eine Botschaft haben, dann ist es diese: Entwaffnung ist möglich, immer wieder. Entwaffnung des Bösen durch Liebe, Entwaffnung der Exgeliebten durch Ausdauer, Entwaffnung der Bürokratie durch Charme, Lügen, Komplimente. Entwaffnung der Welt durch Hinhören, Entwaffnung der Selbstkritik durch Kontext. Entwaffnung des Klangs durch die Stille. Die Verschränkung muss gegenseitig sein. Nur durch Klang ist Stille möglich, und umgekehrt, denn erst Widerstand macht Entwaffnung möglich. Dass Freude an der Entwaffnung deshalb Freude an Widerstand bedeutet, kann augenöffnend sein.

Unter anderem dieses unmissverständliche Angebot der Sinnstiftung hat dem Autor haufenweise schlechte Kritiken eingebracht. Missionarismus, Religiösitat, New Age Botschaften, Glorifizierung des Weiblichen, flache Figuren, plumpe Sprache, unlogische Konstruktion. Zweifellos: diese Punkte können die Geschichte zu einem verwickelt esoterischem Hollywood machen, in dem NullNullKaspar noch mit Bauchschuss klugscheisst. Der Berg an Dingen, die man dem Roman übelnehmen kann, ist groß. Der Genuß, sich von ihm entwaffnen zu lassen, ist größer.